Die Diktatur des vegetarischen Donnerstags
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Sonntag, den 24. Juli 2011 um 17:33 Uhr
Bevormundung. Einschränkung der Freiheit. Geht es nicht noch eine Nummer kleiner?

Da bald auch der letzte Profiteur der tierverarbeitenden Industrie begriffen hat, dass die sachliche Argumentation nicht zu seinen Gunsten ausgehen kann (Die Leugnung des Schadens durch Fleischverzehr auf Tier, Mensch und Natur in Form von negativen Auswirkung auf Gesundheit, Gerechtigkeit und Umwelt steht mittlerweile für Unwissenheit oder Weltfremdheit), wird im Angesicht von Macht und Geldverlust auf der emotionalen Schiene gekämpft: Es erfolge also ein Eingriff in die freie Entscheidung der Bürgerin und des Bürgers. Sehr beliebt auch die geistreiche Frage danach, ob wir nicht andere, wichtigere und dringendere Probleme und Sorgen hätten.
Zur Erinnerung: Der Rat der Stadt Münster hat beschlossen, dass die städtische Politik dafür wirbt, dass die Menschen (aus klimatechnischer Sicht, neben anderen Maßnahmen) ihren Fleischkonsum reduzieren sollten und alle Beteiligten dabei unterstützt auch genug Gelegenheiten dazu zu schaffen und zu finden. Denn im Alltag findet sich bei genauer Betrachtung eine Bevormundung dadurch, dass es üblich und gleichgültig zu sein scheint, in allerlei Produkte diverse Erzeugnisse (in gewisser Weise auch "Abfälle") der sowie schon subventionierten tierverarbeitenden Industrie zu mischen, um auch mit der kleinsten Komponenten noch Geld zu verdienen.
Durch den Veggietag soll ein Bewusstsein geschaffen werden, welches zum einen der Gastronomie und dem Handel zeigt, dass die Menschen bei entsprechendem Angebot durchaus gewillt sind die Pflanzenkost der Fleischspeise vorzuziehen und zum anderen dem Konsumenten die Vielfalt, Einfachheit und Nützlichkeit einer solchen Ernährung näher bringen möchte. Wenn der Mensch, der bislang der Ansicht war uns jeden Tag Fleisch vorsetzen zu müssen, nun die Überzeugung gewonnen hat, dies an mindestens einem Tag nicht mehr tun zu wollen, dann wollen wir ihm diese Freiheit doch nicht nehmen, oder?

Es ist schade, dass sich die angeblich unter Selbstkontrolle stehenden Personen, die nun ein Fleischverbot auf uns zukommen sehen, ihre Speisenwahl nicht genauer betrachten. Denn ob, welches und wie wir Tiere verwerten, hängt von Kultur, Gesellschaft, Tradition und Gewohnheit ab. Die vermeintliche Selbstbestimmung in der Wahl zwischen Salami und Fleischwurst ist, wenn überhaupt, zweitrangig. Es geht nicht um Verzicht, es geht um Lossagung! Denn das verbissene, irrationale und gewohnheitsgemäße Verwenden von Tieren ist (heutzutage) keine Bereicherung, sondern eine destruktives Armutszeugnis unserer Gesellschaft. Darin zeigt sich nicht nur die schleichende Unterwerfung des Menschen gegenüber einer lebensfeindlichen Industrie und Wirtschaft, sondern auch die Manipulation, die unser Gewissen vernebelt und unsere Ohnmacht mit falscher Zufriedenheit überdeckt.
Was soll das für eine Freiheit sein, die es mir legitimiert für ein paar Euro jemanden dafür zu bezahlen Tiere zu züchten, zu mästen, zu quälen, zu töten, nur damit ich ein Stück Leid und Tod auf dem Teller habe und ein paar Minuten dran kauen kann? Da hilft es auch nicht von Lebenskraft zu sprechen; das zeigt eher wie erfolgreich das Marketing der Profiteure bislang war.

Natürlich haben wir noch viele andere Sorgen und Probleme, aber meist gehören diejenigen, die dieses "Argument" hervorbringen, zu der Sorte Mensch, die sich um keins all dieser großen oder kleinen Problemen kümmert. Und das Auslassen von Tierausbeutung ist eine Angelegenheit, die mit wenig Aufwand einen großen Effekt hat. Denn wie anfangs erwähnt, ist unsere derzeitige Tier(aus)nutzung der Schlüssel zu allerlei Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Zerstörung. Der Veggietag ist sozusagen Weltverbesserung mit Genuss.

Es bleibt zwar eine individuelle Meinung, ob ich als Mensch in den Tieren Mitlebewesen, denen ebenfalls eine unversehrte Freiheit zusteht, oder Untergebene und Ware sehe, aber eine ähnliche Haltung hatte der christliche, weiße Mann auch einst von anderen Religionen, Hautfarben und Frauen. Weitestgehend wird diese einstige Denkweise inzwischen erfreulicherweise abgelehnt. Manchmal ist es traurig, dass der Mensch aus der Geschichte nicht zu lernen scheint oder viel zu langsam. Aber ich bin froh über jeden, der es wagt mit Herz und Verstand die vorherrschenden Normen in Frage zu stellen und sich gegen den sturen Block verbohrter Marionetten stellt.
Ich kann nicht beurteilen, ob die hiesige politische Motivation wirklich eine moralische ist oder auch nur gewissen Interessen dieses Metiers geschuldet ist, aber ich finde es grundsätzlich bedauerlich, wenn erst politische Maßnahmen zu einem Umdenken führen, statt dass die Menschen aus eigenem Antrieb Notwendigkeiten erkennen und entsprechend handeln.

Für mich ist der Veggietag ein kleiner Schritt auf einem Weg, den ich für überfällig halte zu gehen und für dessen Beschreitung wir eher zu wenig als zu viel Zeit haben. Die Feindseligkeiten und Herzlosigkeiten unserer Gesellschaft gründen auch auf der Gewalt auf unseren Tellern.
 

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"Eine der blamabelsten Angelegenheiten der menschlichen Entwicklung ist es, dass das Wort "Tierschutz" überhaupt geschaffen werden musste."

Theodor Heuss