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"Dürfen wir Fleisch essen?!"

Eine verwegene Frage! Denn dem modernen Menschen verbietet so schnell keiner mehr etwas. Und das ist auch gut so. Aber dennoch lohnt es sich darüber nachzudenken, mit welcher Berechtigung Fleisch gegessen wird - schließlich geht es dabei um Leben und Tod von Milliarden von Tieren.

Angenommen, wir würden jetzt eine kleine Umfrage unter allen fleischessenden Besuchern unserer Homepage machen, so würde die "TOP 3 der Argumente für das Essen von Fleisch" vermutlich so aussehen:

1. "Fleisch schmeckt gut."

2. "Menschen haben schon immer Tiere gegessen und Tiere fressen außerdem auch andere Tiere."

3. "Tiere sind nicht so intelligent wie wir Menschen. Deshalb können wir mit ihnen machen was wir wollen – und daher auch verspeisen."

Zugegeben – auf den ersten Blick scheinen diese Argumente für den Fleischkonsum zu überzeugen. Doch lassen Sie uns zusammen darüber nachdenken:

1. "Fleisch schmeckt gut."

Keine Frage: Ob es schmeckt oder nicht, das lässt sich nicht objektiv entscheiden. Über Geschmack lässt es sich eben schreiten. Wobei man an dieser Stelle anmerken sollte, dass der typische Fleischgeschmack überwiegend durch die Würzung bewirkt wird und dass auch vegane Fleischersatzprodukte den Geschmack von Fleisch haben können. Doch selbst wenn für uns Fleisch das leckerste nur erdenkliche Gericht wäre, so könnte dieses nicht bei der Frage helfen, ob es moralisch in Ordnung ist, Fleisch zu verspeisen. Ein leidfähiges Lebewesen einzusperren, ihm durch Haltungsbedingungen und Schlachtung Leid zuzufügen und sein einmaliges Leben vorzeitig zu beenden, nur um damit einen kurzweiligen kulinarischen Genuss zu ermöglichen – erscheint uns "unverhältnismäßig". Vielleicht denken einige von Ihnen an dieser Stelle: "Aber Fleisch Konsum ist doch natürlich!" Kommen wir also zum zweiten Argument:

2. "Menschen haben immer schon Fleisch gegessen und Tiere fressen außerdem auch andere Tiere."

Sicher: Menschen haben schon in der Vorzeit Auerochsen und Mammuts gejagt und sich von ihrem Fleisch ernährt, um zu überleben. Deshalb mag das erste Argument tatsächlich ein Grund für den Fleischkonsum der Ur-Menschen gewesen sein. Wir modernen Menschen jedoch müssen nicht auf Kosten anderer Tiere leben, denn wir sind Teil einer Gesellschaft in der es problemlos und gesundheitlich unbedenklich ist, sich fleischlos zu ernähren. Es besteht also keine Notwendigkeit des Fleischkonsums. Sie denken jetzt vielleicht: "Fressen und gefressen werden. Das ist aber nun einmal der Lauf der Natur." Machen wir ein Gedankenexperiment: Angenommen ab heute würden alle fleischfressenden Tiere aufhören Fleisch zu essen. Sie können sich denken, was passieren würde: Sie müssten sterben. Wir Menschen müssten in einem solchen Fall jedoch nicht sterben und durch unsere Intelligenz sind wir uns dessen auch bewusst. Da wir die Folgen unseres Tuns überschauen und über Moralvorstellungen nachdenken können, stehen wir der Natur gegenüber auch in einer anderen Verantwortung als Tiere, die dazu nicht im Stande sind. Wir können es uns also im Unterschied zu Tieren aussuchen, ob wir Fleisch essen oder nicht. Anders ausgedrückt: Wir können darüber entscheiden, ob es moralisch in Ordnung ist, andere Tiere gewaltsam zu töten und zu verspeisen, obwohl uns bewusst ist, dass dazu keine Notwendigkeit besteht und wir Handlungsalternativen haben. Ein Grund für Ihren persönlichen Fleischkonsum ist das zweite Argument also nicht. Doch was ist mit dem letzten Argument aus unserer TOP-3-Liste?

3. "Tiere sind nicht so intelligent wie wir Menschen. Deshalb können wir mit ihnen machen was wir wollen – und daher auch verspeisen."

Die Chemie alles Lebendigen ist gleich: Alle Lebewesen bestehen aus dem gleichen Baumaterial, den Atomen bzw. den Bio-Molekülen. Ferner ist der Evolutionstheorie nach der Ursprung des Menschen im Tierreich zu verorten. Damit haben wir mit den übrigen Abermillionen derzeit lebenden Spezies gemeinsame Vorfahren: Wir sind mit ihnen verwandt. Selbst im Körperbauplan des modernen Menschen gibt es viele Übereinstimmungen zu anderen Tierarten. Denken sie nur an diejenigen Tiere, die ebenso einen Schädel, Rumpf und Gliedmaßen besitzen, welche jeweils an den Lebensraum angepasst als Finger, Flossen, Hufen oder andere Strukturen erscheinen. Es verwundert also nicht, dass beispielsweise auch Fische sehr wohl ein Schmerzempfinden besitzen - den Nervenzellen sei Dank. Oder dass wir mit unseren engsten Verwandten, den Schimpansen, eine genetische Übereinstimmung von etwa 98,4% aufweisen? Zum Vergleich: Zwei beliebige Menschen besitzen eine genetische Übereinstimmung von 99,8 Prozent. Zudem zeigt die Wissenschaft, dass manche Verhaltensweisen genetisch geprägt und diese Gene nicht artspezifisch sind.

Vielerlei Arten haben im Vergleich zu unseren fünf Sinnen sogar weitaus bessere Sinnesleistungen: Man denke an die Spürnase des Hundes, das Adlerauge, aber auch an solche Fähigkeiten, die der Mensch gar nicht besitzt: Das Echolot-System der Fledermäuse, sogenannte "Lorenzinische Ampullen" bei manchen Raubfischarten, mit welchem sie kleinste elektrische Felder im Wasser wahrnehmen können, das Organ mancher Zugvögel, mit welchem sie das Erdmagnetfeld wahrnehmen. Oder haben sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, wie Ameisen immer wieder in ihren Bau zurückfinden?! Aber auch Fähigkeiten wie ein Erinnerungsvermögen und Zahlengedächtnis werden von Tieren beherrscht. Ebenfalls die Deutung von menschlichem Verhalten und die Interaktionen mit ihnen nutzen Tiere, wie Hunde, zu ihrem Vorteil. Auch bei Schafen kann man von Intelligenz sprechen, und selbst bei Eidechsen gibt es diese Anzeichen.

Manche Tierarten besitzen außerdem sogar so etwas, was wir als "Selbstbewusstsein" bezeichnen würden: Alle Menschenaffen, Delfine, Elefanten und sogar Elstern können sich selbst im Spiegel erkennen. Sie haben also eine Vorstellung davon, dass sie einen Körper besitzen und diesen als Abbild im Spiegel sehen. Eine Fähigkeit, die einjährige Kinder nicht und nur 50% aller Zweijährigen besitzen... Schimpansen haben des Weiteren Einfühlungsvermögen, das heißt sie können eine andere als die eigene Perspektive einnehmen, sich in andere Tiere hinein versetzen und ihr Handeln darauf auslegen – zum Beispiel zeigen sie verletzten Artgenossen gegenüber Mitleid. Schimpansen können außerdem anhand eines kurzen Tons sowohl die Stimmen verschiedener Affen als auch die verschiedener Menschen unterscheiden. Bei ihnen sind auch herausragende Leistungen im Bereich des Kurzzeitgedächtnisses nachgewiesen worden, die die Leistungen des Menschen bei Weitem übertreffen. Eine Henne kann das Unbehagen seiner Küken wahrnehmen und darunter ebenso leiden.

Doch wie sieht es mit Sprache, Kultur, Medizin und Technik im Tierreich aus? Also den typisch menschlichen Domänen schlechthin? Zwar ist die enorme Komplexität unserer Menschensprache weltweit einmalig, doch dass Tiere kommunizieren steht außer Frage. So können beispielsweise Meerkatzen je nach gesichtetem Räuber einen spezifischen Laut abgeben und rufen damit unterschiedliche Abwehrmechanismen bei ihren Artgenossen hervor. Schimpansen warnen unwissende Artgenossen vor Gefahren und es gibt Theorien, die bei ihnen die Ursachen für erste Wörter gegeben sehen. Delfine rufen sich beim Namen. Dohlen haben ein Gespür für menschliche Gesten. Saatkrähen nutzen Werkzeuge, stellen sie selber her, verändern sie und kombinieren sie miteinander. Raben können gezielt zu ihrem Vorteil tauschen. Elefanten können Teamwork erlernen. Fische nutzen einfache Werkzeuge und Schimpansen stellen weitaus kompliziertere Werkzeuge her, als man bisher angenommen hatte! Um an Futter zu kommen, stellen sie bis zu zwei funktionell unterschiedliche Werkzeuge her und bringen diese in Vorausplanung bei der Futtersuche mit und nutzen sie in logischer Reihenfolge. Es wurde nachgewiesen, dass sie in unterschiedlichen geographischen Gebieten unterschiedliche Werkzeuge benutzen, obwohl überall die gleichen Materialien für die Werkzeugherstellung verfügbar sind. Auch gibt es Unterschiede im Sozialverhalten: In manchen Gruppen begrüßen sich die Tiere mit einem Küsschen, in anderen gibt es eine spezielle Handhaltung bei der Fellpflege. Auch unterscheiden sich die Arten der Nahrungsaufnahme von Gruppe zu Gruppe. All diese besonderen, erlernten Verhaltensweisen werden an die Nachkommen der eigenen Gruppe weitergegeben, so sind mit der Zeit unterschiedliche Sitten und Gebräuche beispielsweise im Werkzeuggebrauch und bei der Nahrungsaufnahme entstanden. Bislang konnten Wissenschaftler mehr als vierzig solcher lokalen Traditionen aufspüren! Geschlechterspezifische Spiele, wie wir sie von Menschenkindern kennen, sind inzwischen ebenfalls beobachtet worden. Eine besondere Praxis der Blattzubereitung gegen Durchfallerkrankungen und Wurmbefall dient des Weiteren nachgewiesenermaßen der Selbstmedikation bei Bonobos, Gorillas und Schimpansen. Und auch Trauer um Tote finden wir bei Tieren, ebenso Freundschaften.

Und diese Fakten über die erstaunlichen Traditionen, technischen und sprachlichen Fähigkeiten und sogar einer rudimentären Medizin sind noch längst nicht alle Wunder im Tierreich! Jede Tierart ist auf ein Leben in ihrem spezifischen Lebensraum wunderbar angepasst und verfügt über spezielle Fähigkeiten, mit denen sie sich in ihrer Umwelt zurechtfindet – denn sonst würde sie aussterben. Alle lebenden Tierarten sind "Gewinner in der Evolution", alle haben es geschafft sich einen Platz auf der Erde zu sichern und zu überleben – bis heute zumindest. Es ist also falsch zu sagen, Tiere seinen minderwertig oder "unterentwickelt", nur weil sie nicht so intelligent sind, wie der Mensch.

Eine überlegene Intelligenz kann kein moralischer Freibrief sein, weniger intelligente Lebewesen nach Belieben zu töten oder auszubeuten. Genauso wenig kann eine geringe Intelligenz eines Lebewesens kann kein Maß für seinen Wert und seine Rechte sein. Doch wenn es nicht Intelligenz ist, stellt sich an dieser Stelle die Frage:

Was ist das entscheidende Kriterium dafür, das wir einem Lebewesen Rechte wie körperliche Unversehrtheit, Freiheit und das grundlegende Recht auf Leben, zugestehen?

Eine Antwort auf diese Frage kommt von den sogenannten utilitaristischen Philosophen: Die Fähigkeit Leiden und Glück zu empfinden ist das entscheidende Kriterium dafür, ob wir ein Lebewesen in unsere ethischen Überlegungen miteinbeziehen sollen oder nicht: Glück ist erstrebenswert, Leid will von leidfähigen Lebewesen vermieden werden. Darin sind sich Tier und Mensch gleich. Und eben aus diesem Grund sollen, nach Meinung von uns Tierrechtler_innen, für alle leidfähigen Tiere auch die grundlegenden Rechte wie körperliche Unversehrtheit und Freiheit uneingeschränkt gelten. Man könnte knapp sagen: "Wo ein Interesse, da auch ein Recht." Demnach macht es auch keinen Sinn für das Wahlrecht der Schweine oder Kühe zu plädieren, jedoch haben beide das Interesse, Leiden zu vermeiden und zu leben. Im Vergleich sind also die simplen Gaumenfreuden der fleischessenden Menschen nicht durch das milliardenfache tägliche Leiden von Tieren zu rechtfertigen.

"Halt, doch woher wissen wir, wie Tiere fühlen?",

mögen sie jetzt vielleicht denken. Subjektives Empfinden ist uns prinzipiell nicht zugänglich. Schließlich weiß ich ja nicht einmal mit Gewissheit, ob Sie die Farbe Rot genauso wahrnehmen wie ich. Doch können wir an gewissen Indizien vermuten, wie sich ein Gegenüber fühlt. Ein Analogieschluss kann uns hier etwas weiterhelfen. Ein Beispiel: Ich auch davon aus, dass Sie genauso wie ich Schmerzen empfinden würden, wenn Sie eine heiße Herdplatte berühren. Woran kann ich das erkennen? Sie machen ein schmerzverzogenes Gesicht und Stoßen einen Laut wie "au" aus und ziehen reflexartig ihre Hand zurück. Auch ein Schwein und eine Maus würden sich bemerkbar machen, indem es schreit oder piept und zu fliehen versucht, sobald man es quält. Die moderne Hirnforschung untermauert solche Analogieschlüsse: Reaktionsweisen in unserem Gehirn entsprechen solchen im Gehirn anderer Wirbeltiere und werden mit vergleichbaren Erlebnisqualitäten wie Schmerz, Genuss, etc. in Verbindung gebracht. Die Fähigkeit des Mitfühlens und Nachempfindens hat ihren Ursprung gemäß einiger Forschungen sogar im Tierreich.

Doch in unserer Gesellschaft sind Tiere juristisch rechtlos und werden als "Gegenstände" definiert und dienen zur reinen Profitvermehrung der Tierproduktindustrien: Täglich werden in Deutschland Tausende Tiere ihres Fleisches oder ihrer Haut wegen getötet und ihrer Milch und Eier beraubt. Sie dienen uns als Unterhaltungsgüter oder Forschungsobjekte. Dass Tiere einzelne Wesen, Individuen mit persönlichen Charakterzügen und Fähigkeiten sind, haben wir schon längst vergessen. Für uns sind sie zu bloßen Zahlen und Sonderangeboten degradiert – um ihre Bedürfnisse und Gefühle machen wir uns keine Gedanken.

Doch wer von Ihnen, liebe Leser_innen, würde weiter Fleisch essen, wenn das Tier selbst zu schlachten wäre?

Ein längeres Nachdenken lohnt sich. Könnten Sie es übers Herz bringen oder würden Mitgefühl, Angst oder Ekel Sie davon abhalten ein Tier zu schlachten?

Wahrscheinlich würden viele es nicht übers Herz bringen ein Kaninchen, ein Schwein oder eine Kuh zu töten. Dass viele von uns dennoch unbekümmert an der Wursttheke Fleisch kaufen, haben wir der modernen Fleischindustrie zu verdanken. Dadurch dass im Laufe der Geschichte Schlachthäuser zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind, konnte in unseren Köpfen das blutige Geschäft erfolgreich verdrängt werden. Videos von Schlachtszenen sieht man im Fernsehen kaum, auch sonst kommen wir nicht mit der Thematik in Kontakt. Vielen von uns würde sich "der Magen verdrehen", wenn wir eine Schlachtung eines Schweins beobachten würden, doch bei einer Bratwurst regt sich nur bei Wenigsten Ekel, Entsetzen oder Abscheu. Dadurch, dass Schlachthäuser eben keine Glaswände haben, wird uns das Verdrängen erleichtert und unser intuitives Mitgefühl der leidenden Kreatur gegenüber übergangen.

Schauen Sie also nicht länger weg! Haben Sie ein Herz für Tiere und geben Sie ihnen die Rechte, die im Interesse eines jeden leidempfindlichen Lebewesens der Erde stehen:

Wir als echte Tierfreunde fordern das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit, Freiheit und Erhaltung des natürlichen Lebensraumes für alle leidensfähigen Tiere!

„Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindungsfähigen Wesens dem gleichen Schicksal zu überlassen. Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht 'Können sie denken?' oder 'Können sie reden?', sondern ‚Können sie leiden?'. Warum soll das Gesetz es ablehnen, empfindungsfähige Wesen zu schützen? Die Zeit wird kommen, in der die Menschheit ihren schützenden Mantel über alles, was atmet, erweitert …“

(Jeremy Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1789) (Wikipedia Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Bentham, 27.09.2010)

Quellen:

 

Über diesen Text kann im Forum diskutiert werden.

 

„Die Sache der Tiere steht höher für mich als die Sorge, mich lächerlich zu machen.“

Émile Zola